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Leseproben

Herbstzeitlose, ISBN 3-939144-95-9

...Eine Stunde später befanden wir uns unter Missachtung aller Verbotszeichen und Befahren von schmalen Forstwegen an dem einsam gelegenen Platze, welcher auch mir bekannt war.
Die letzten Meter hatte ich Sebastian getragen.
"Als ich das erste Mal hier gewesen bin, konnte ich gerade erst laufen", hatte er geflüstert, "und nun kann ich es schon gar nicht mehr."
Ich legte Sebastian auf den Liegestuhl, den Katharina, welche mit uns gekommen war, zuvor auf der kleinen Lichtung aufgestellt hatte.
Sebastian war die Mühe anzusehen, die mit diesem letzten Ausflug für ihn verbunden war, doch er hielt sich tapfer und schluckte die Schmerzen still hinunter.

"Einmal noch ... nur einmal noch wollte ich hierhin. Es ist schon immer mein Lieblingsplatz gewesen."
Der Platz lag inmitten eines ausgedehnten Waldgebietes und bot eine sehr schöne Fernsicht.
Vor uns fiel das Gelände steil ab, so daß der Blick sich über die zu dieser Zeit lindgrünen Wälder hinweg erheben konnte bis hin zu einer Senke, durch welche gemächlich ein größerer Bach floss, von hier oben im Sonnenschein wie ein silbernes Band die Landschaft durchziehend.
Am Rande der Senke bis hin zur halben Anhöhe lag ein kleines Dorf, umgeben von langen, frisch bestellten Äckern und breiten Wiesengürteln.
Zum Horizont hin schließlich gewann die Landschaft rasch an Höhe, schloss sich ein weiteres großes Waldgebiet an, an höchster Stelle von einem mächtigen Aussichtsturm überragt.

Das großarige Bild, das sich uns bot, war von Frieden durchdrungen.
Ich schaute meinen alten Freund von der Seite an, um sein Empfinden mitzubekommen.
Er wusste wohl, daß mein Blick auf ihm ruhte, hielt ihn aber aus und widmete seinen weiter der überwältigenden Aussicht.
"Bin oft hierher gekommen", sagte er dann mit noch immer merklich schwacher Stimme.
Seine müden Augen blinzelten fortwährend in der Sonnenflut, versuchten die ganze Pracht, welche die Welt an diesem Tage im Übermaß verschleuderte, in sich aufzunehmen, so als gelte es, die Speicher vor der letzten Fahrt noch einmal prall zu füllen.
"Früher haben wir hier viele Jungenstreiche ausgeheckt und im ganzen Wald nach Abenteuern gesucht. Nicht einmal der liebe Gott mit seinem Sonntag war uns heilig. - Ja, meine Kindheit war trotz Armut und Arbeit sehr schön."
Ich merke, wie ihn die Erinnerung und die eigenartige Stimmung dieses Platzes aufrichten und alle Mühsal nach und nach verfliegt.
Eben wie die Wärme des Tages wohltuend in seinen schwachen Körper strömt, so strömt ihm auch eine große innere Zufriedenheit zu.
Sein Blick heftet sich an eine nahe stehende Eiche, die ihm schon von Kindheitstagen an vertraut ist.
"Alter Gefährte, daß ich dich noch einmal sehe."
Ich versuche mir vorzustellen, wie er als kleiner Junge auf dieser Eiche herumgeklettert ist, in ihrem Schatten Löcher in die Erde buddelte, im Ungedanken in ihre Rinde mit einem Taschenmesser Zeichen eingeritzt hat, und plötzlich verspüre ich tief in meiner Seele einen wehmütigen Augenblick lang das Schicksal meiner eigenen Vergänglichkeit.
"Wir fallen nicht aus dieser Welt."
Sebastian scheint meine Empfindungen in diesem Moment zu ahnen.
"Die selbe Sonne wird mein Grab bescheinen, und die selbe Frühlingsluft wird es umwehen."
Ich staune über diese große Gelassenheit, mit der er dem nahenden Tod zu begegnen weiß.
Als wäre der eigene Untergang kein Schrecken, sondern eine Notwendigkeit, der Schlußpunkt eines Schauspiels, ohne den es unvollendet bleiben müsste und alles unerfüllt und nur Stückwerk wäre.
Der Tod gehörte zum Leben, ohne ihn würde es seine ganze Kostbarkeit verlieren, und alle Gipfel des Seins, die vor seinem kalten Lichte abstechen, würden in grauen unbedeutenden Niederungen einschmelzen und sich verflüchtigen.
Allein der Tod war es, der das Leben in Szene und in rechtes Licht zu setzen verstand und es zu einem Meisterwerk aller Erscheinungsformen reifen ließ.
Über die Gelassenheit, mit der man zu einer solchen Sicht der Dinge gelangen konnte, verfügte ich leider nur in Ansätzen.
"Bist Du nun mit allem zufrieden?, frage ich in die Stille hinein.
"Ja,sehr! Alles hat sich wundersam gefügt. Du ... Katharina ... das Geschäft. - Ich kann ganz beruhigt abtreten."
Er schließt die Augen, und die Sonne vermag mit ihrer Macht ein kräftiges fließendes Rot vor ihnen zu entfalten.
Dann öffnet er die Augen wieder einen Spaltbreit, und das Licht bricht, und alle Welt verschwimmt in einem Schleier von Glanz und Farben.
Das Leben in all seiner zurückgekehrten Schönheit greift nach seiner Seele, sprengt den dunklen Ring, den der Tod bereits um sie geschmiedet hat, und trägt sie in einem Meer von wunderbaren Gedanken und Empfindungen davon.
Sebastian greift nach Katharinas Hand, die wiederum meine hält, und lange, sehr lange noch, verbleiben wir an diesem Ort, schweigend, von tiefem Frieden erfüllt und jeder eigenen Gedanken nachhängend, von denen jedoch viele miteinander verwurzelt sind.
Von oben her betrachtet sind wir nur drei kleine Punkte, die sich in der weiten Landschaft verlieren und in der schießenden Flut an frischem Grün, dessen Zauber durch das strahlende Werk der Sonne noch gesteigert wird, nicht die geringste Bedeutung erlangen.
Irriger Glaube doch, daß die Welt immer mehr zu Menschenwerk würde.
Selbst wenn er an unzähligen Stellen die Landschaft schlachtete, noch mehr Straßen und Städte baute, Gräben riss, um Kanäle anzulegen, fortwährend in die Natur eingriff, Wälder rodete, die Würde von Tieren grob missachtete, alles nach seinem egozentrischen Wesen zu gestalten nicht abließ, der Mensch würde in all der Größe und Herrlichkeit, die ihn umgab, im Angesicht eines jeden Sonnenaufganges, im Überraschtwerden durch Blitz und Sturm, im kindlichen Staunen über das Fallen vieltausender Schneeflocken, im Miterleben von Abschied und Wiedergeburt des Lebens immer eine unwichtige Größe bleiben und sein ganzes Tun doch nur anfängerhaft wirken.
Daraus mochte die Lektion folgen, sich nicht wichtig zu nehmen.
Und wer sich nicht wichtig nahm, konnte auch im Wissen um seine Unbedeutsamkeit leichter von der Bühne des Lebens abtreten.
Damit war ich mit meinen Gedanken wieder bei Sebastian angelangt, und ich spürte im vorübergehenden nachdenklichen Betrachten seiner Person, dass seine Weltensicht nicht fern von meiner lag, wenngleich sie sich auch über ganz andere Gedankengänge formiert haben mochte.
Und was mich mit noch mehr Freude zu erfüllen begann, war der Eindruck, daß auch Katharina meine Sicht der Dinge zu teilen schien.
Manches schon hatten wir beredet, doch baute sich mein Empfinden auch über vieles auf, was einfach zwischen uns wirkte und unausgesprochen bleiben konnte.
Blicke, die Verständnis ausdrückten, eine Deckungsgleichheit in Verhalten und Bewegung, das Gespür, sich in die gleiche Richtung zu bewegen, das Fühlen um die Gleichartigkeit der Träume, deren Erfüllung wir uns vom Leben noch erhofften.

Der Tag versank in einem einzigartigen Sonnenuntergang.
Die Zeit des Aufbruchs und der Rückkehr aus der Pracht des Lebens war gekommen.
Sebastian blickte noch einmal hinüber zu der Eiche.
Stumm nahm er Abschied von ihr, während seine Augen sich mit einem Rest an Tränen füllten.
Zwei Leben, die nun auseinandergingen.
Doch mit seiner Seele würde er an diesen Platz zurückkehren, ob auch aus dem Jenseitigen, das war Glaubenssache......
10.4.06 08:34


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